Tag 2:

Montag, 26. 6. 2017

Berlin zur Zeit des Nationalsozialismus

  • Aufstieg Hitlers: Reichstag (Brand), Brandenburger Tor (Aufmärsche), Pariser Platz
  • Nationalsozialistische Verbrechen: Holocaust und Sinti & Roma Mahnmal & Sowjet Mahnmal (auf den ehemaligen Achsen der geplanten Stadt „Germania“)
  • Ort des ehemaligen Führerbunkers (Ende und 2. Weltkrieg)
  • Führungssystem und politische Kräfte: ehemalige Ministerien und Wilhelmstraße
  • Topographie des Terrors
  • Bildung und Kunst in der NS-Zeit: Bebelplatz (Bücherverbrennung) und Humboldt Universität
  • Brenzlauer Berg (Spätnachmittag und Abend)

Am Montag, dem 26. 6. wachten wir zum ersten Mal in Berlin auf. Nachdem wir uns im Frühstücksraum zurechtgefunden und ein recht ausgiebiges und gutes Frühstück genossen hatten, ging es los zum ersten Programmpunkt. Der Tag sollte unter dem Generalthema "Berlin und der Nationalsozialismus" stehen. Dies ist nicht nur deswegen interessant, weil sich natürlich viele historische Ereignisse mit trauriger Berühmtheit in Berlin ereignet haben, sondern auch deswegen, weil Berlin die Hauptstadt des nationalsozialistischen Weltreiches werden hätte sollen. Dann allerdings unter dem Namen "Germania". Dafür gab es schon sehr konkrete Pläne, die Spuren hinterlassen haben. Einige Gebäude waren sogar schon errichtet. Vor unserer Abreise hatten wir uns in gezielten Präsentationen schon Vorwissen angeeignet. Jetzt wollten wir die Plätze in Wirklichkeit sehen.

Zu diesem Zweck hatten wir eine fünfstündige Fußwanderung durch Berlin gebucht, die uns an die interessantesten Plätze führen sollte.

Treffpunkt war um 10 Uhr beim Hotel Meininger unmittelbar neben dem Hauptbahnhof.

PS: Wir haben diese Führung bei Humboldt-Tours gebucht. in der Vorbereitung wurden wir von Herrn Awe sehr gut betreut. Diese Agentur ist wirklich sehr empfehlenswert.  

Alles klappte perfekt. Der Fremdenführer war zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Platz und stellte sich freundlich vor: "Hallo, ich bin der Dominik." Er machte einen sympathischen Eindruck und wir konnten uns gut vorstellen, ihm die nächsten fünf Stunden durch Berlin zu folgen.

Welche extrem schwierige Zeit diese Zeit für Politiker war, die an fundierter demokratischer Arbeit interessiert waren, zeigt das Denkmal vor dem Bundestagsgebäude. Für jeden ermordeten Abgeordneten steht eine Steinplatte.

Wir beginnen in eine Gedankenwelt einzutauchen, die uns sehr nachdenklich macht.

Nur ein paar Gehminuten weiter ist die Welt eine ganz andere. Die Sieger des Jahres 1945 haben sich eindrucksvoll in der Stadt verewigt. Das russische Denkmal erinnert sehr stark an jenes am Schwarzenbergplatz. Bei diesem hier kommt allerdings dazu, dass die Stelle sehr bewusst gewählt ist.

Diese Stelle sollte ein Teil der Nord-Süd-Achse werden, die durch die Welthauptstadt Germania gehen sollte. Russland hat bereits wenige Wochen nach Kriegsende dieses Denkmal an genau dieser Stelle errichtet, um die Pläne für Germania ein für allemal zu beenden. 

Das Ende des 2. Weltkrieges - der 8. Mai 1945. Durch dieses Denkmal sehr imposant aus Sicht der Sieger dokumentiert. Was nur sehr wenige wissen, ist die Tatsache, dass der allerletzte Auslöser in einer kleinen Gemeinde in Niederösterreich stattgefunden hat, konkret in Erlauf. Im Rahmen des Abschlussausfluges der 4. Klasse haben wir das dortige Friedensmuseum besucht. 

Die Nacht des 8. Mai 1945 in Erlauf/ Niederösterreich

Bevor wir das Areal allerdings betreten, bekommen wir von Dominik noch einige Informationen. Und auch schon eine sanfte Vorbereitung auf die Gefühle, die man beim Durchwandern des Geländes erlebt.

Dort angekommen, stehen wir vor einem recht unspektakulären Stück Wiese. Und doch zieht diese Stelle jährlich unzählige Besucher an. Der Anfang eines sehr erfolgreichen Filmes wurde sogar hier gedreht. "Er ist wieder da". Ein Film, den wir in der Vorbereitung zu unserer Reise gesehen haben. Auch das Buch haben wir gelesen.

Und jetzt stehen wir da auf dieser Wiese. Wäre es nur immer eine so harmlose Wiese gewesen. Darunter befand sich nämlich der sogenannte Führerbunker, in dem Hitler seine letzten Lebenstage verbracht und seinem Leben ein Ende gemacht hat.

Der Bunker hatte eine Grundfläche von 15 mal 20 Metern und war von allen Seiten von meterdickem Stahlbeton umgeben. Die Betondecke war 4,5 m dick, wobei der letzte halbe Meter reiner Stahl war. Es bedurfte also einiger Anstrengungen, das gesamte Bauwerk zu entfernen. Trotzdem wurde es vollständig abgetragen. Nur der Boden ist noch tief im Erdreich.

Wir sind mittlerweile beinahe zwei Stunden unterwegs. Nicht nur unser Gehirn hatte sehr viel tun, sondern auch unsere Füße. Es ist Zeit für eine Mittagspause. Bei dieser Gelegenheit merken wir, wie nah Geschichte und Gegenwart in Berlin beieinander liegen. In unmittelbarer Nähe befindet sich ein großes und topmodernes Einkaufszentrum. Der ideale Ort für eine erholsame Mittagspause.

Auch die Herren finden durchaus Gefallen an dem Shopping-Tempel.

Auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel begegnen wir einem Profil, das einsam in den Himmel ragt. Einsam wie das Leben dieses Mannes. Georg Elser war bereits 1939 der Meinung, dass der einzige Ausweg eine Ablöse der bestehenden Regierung ist. Damals war diese Ansicht nicht sehr verbreitet. Auch nicht sehr populär. Er bezahlte sie mit seinem Leben.

Danach ging es weiter zu einem zentralen Gebäude der nationalsozialistischen Regierung. Die Monumentalität des Bauwerks fällt auf den ersten Blick auf und wirkt etwas bedrohlich. Das war auch genau die Absicht der Erbauer, denn es sollte bereits ein Teil von Germania sein. Diese Stadt wollte durch ihren Monumentalstil den Menschen vor Augen führen, wie klein und unbedeutend jeder Einzelne ist. Dass er nur etwas zählt, indem er sich in der Dienst der allgemeinen Sache stellt.

Wir wunderten uns ein wenig, dass das Gebäude so lange Zeit überlebt hatte. Viele andere mit Germania assoziierte Gebäude wurden von den Siegermächten zerstört.

Dominik erzählte uns jedoch, dass sich in diesem Gebäude die gesamte Geschichte des letzten Jahrhunderts vereint. Von der russischen Armee bewusst geschont wurde es unmittelbar nach Kriegsende die Kommandantur der russischen Besatzer. Später war es ein zentrales Regierungsgebäude der DDR. Und heute beherbergt es das Finanzamt.  Man sieht, wofür auch immer dieses Haus verwendet wurde, sehr viel Freude hat es den Menschen nicht gemacht. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Was diesen Ort so besonders macht, ist das Zusammentreffen zweier baulicher Zeugnisse aus Zeiten, an die man eigentlich nicht erinnert werden will. Oberirdisch stehen - wie auf dem Bild gut zu erkennen - Reste der Berliner Mauer. Darunter entdeckte man Überreste des Gestapo-Hauptgebäudes. Konkret von den Kellern, die auch Folterkeller waren. Wer hierher gebracht wurde, wusste, dass es keine Hoffnung mehr gab. An den Mauerresten sind noch gut erhaltene Fliesen (siehe Bild rechts) zu erkennen. Man hält unwillkürlich inne beim Anblick dieser Mauern.

Propagandamaterial: Ein Gedicht für den Führer, das dem Gebet "Vater unser" in Form und Inhalt nachempfunden ist.

Eine der seltenen kritischen Äußerungen, die ebenfalls mit dem Leben bezahlt wurde: Max Liebermann

Weitere Informationen

Bebelplatz (unten)

Jener Ort, an dem Studenten in Eigenintiative 20000 Werke aus der Bibliothek der Humboldt-Universität verbrannten. Unter der verbrannten Büchern waren Werke von Lessing und Erich Kästner. Goebbels vereinnahmte dieser Ereignis nachträglich für die nationalsozialistische Progaganda.

Humboldt- Universität

An dieser Universität unterrichtete Albert Einstein.

Hauptbahnhof Berlin

mit Bundestag im Hintergrund

Der Hauptbahnhof ist an sich schon eine Attraktion, Durch die großen Glasscheiben sieht man im Hintergrund den Bundestag. Wir nützten den äußerst freundlich gestalteten Bahnhof noch für eine kleine Erholungspause, dringende Bedürfnisse und dem Besorgen von Proviant. Dann ging es los. Wir waren sehr gespannt, was uns erwarten würde.

Unsere erste Station war der unweit gelegene Bundestag. Wir würden ihn allerdings an diesem Tag nur von außen sehen. Die Innenansicht war erst für den nächsten Tag geplant.

An diesem Tag sahen wir das Gebäude auch aus ganz anderen Augen, nämlich als Teil der nationalsozialistischen Regierung. Da hieß es auch noch Reichstag. Und da passt es ganz gut, wenn man das Gebäude nicht betritt. Hitler hatte das nämlich auch nie getan. Damit brachte er seine hinlänglich bekannten Verachtung für alles Parlamentarische zum Ausdruck. 

Weiter ging es zum nahe gelegenen Denkmal für alle ermordeten Roma und Sinti. In einem Park ist ein Teich, der von Platten umrandet wird, in die die Namen aller Konzentrationslager eingemeißelt sind. Wir wissen, dass da auch österreichische Orte dabei sind und suchen den Stein. Er ist einer von vielen. Von sehr, sehr vielen. Das Ausmaß dieser Maschinerie wird auf diese Weise sehr drastisch sichtbar.

Dominik erzählt uns noch einige sehr interessante Details über das Kriegsende. So etwa, dass die Amerikaner eigentlich früher in Berlin waren, den Russen aber den Vortritt gelassen haben, da Russland unter dem Eroberungskrieg wesentlich mehr gelitten hatte als die USA. 

Der kurze Fußmarsch zu unserem nächsten Ziel hilft uns, unsere Gedanken zu verarbeiten, denn schon sind wir neuen starken Eindrücken konfrontiert. Wir sind beim sogenannten Shoa-Denkmal angelangt. Ein großes Feld aus Quadern erstreckt sich vor uns. Die Blöcke sind alle unterschiedlich. Nicht ganz gerade, nicht gleich hoch. So unterschiedlich wie die Schicksale, an die sie erinnern.

Das Areal zieht den Besucher magisch an und man möchte es einfach durchschreiten. 

Wir starten unsere Reise. Jeder für sich. Manche in kleinen Gruppen. Schnell stellen sich Gefühle wie Orientierungs-losigkeit, Isolation oder das Gefühl, ausgeliefert und machtlos zu sein ein. Dominik hat viel Erfahrung in der Präsentation dieses Ortes und gibt uns viel Zeit. Am anderen Ende erwartet er uns.

Wir tauschen unsere Erfahrungen aus. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind sehr stark und tiefgehend.

Die Gespräche drehen sich noch um die soeben gemachten Erfahrungen, als wir uns zu unserem nächsten Ziel aufmachen. 

Dieser schwierige Ort ist für die Besucher sehr gut aufbereitet. Auf Schautafeln findet man sachliche Informationen, die neutral vermitteln, wozu dieser Ort gedient hat. Wir hängen einige der Informationen in unser bestehendes Wissen ein und sind eigentlich sehr schweigsam.

Dominik hat noch sehr viele Detailnfos für uns und beantwortet alle unsere Fragen. Die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegstage werden plastisch. Auch der Umgang mit so schwierigen historischen Erbstücken. Berlin ist sehr bemüht, umfassend zu informieren. Aber es sollen keine Gedenkstätten für bestimmte Personengruppen entstehen. Wir finden, dass sie diesen Anspruch sehr gut erfüllen.

In unmittelbarer Nähe ist ein einstiger Musterplatten-bau aus der DDR-Zeit, der nur einer bestimmten Personengruppe vorbehalten war. Er steht genau an der Stelle, wo sich die neue Reichskanzlei Hitlers befunden hatte. Daher auch der Führerbunker an dieser Stelle, eben in unmittelbarer Nähe.

Nach den intensiven Eindrücken des Vormittags wirkt der Einkaufstempel etwas banal. Trotzdem nützen wir die Gelegenheit, unseren Beinen kurz Pause zu gönnen. Wir vereinbaren Ort und Zeit des Treffpunktes. Jeder sucht sich die Location der Mittagspause seiner Wahl. Nach einer knappen Stunde treffen wir uns gestärkt wieder.

Alles klappt recht gut. Nur ein paar wenige nehmen die Uhrzeit zu ungenau. Daran müssen wir noch arbeiten. Aber es ist ja erst der erste Tag. Das wird schon noch werden.

(...) dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden können.

Georg Elser im Gestapo-Verhör am 21. 11. 1939

Die Türschnallen waren in Augenhöhe, die Gänge unendlich lange und die Räume überdimensional hoch. Auf dem Bild sind hinter den Fenstern die Vorhänge zu erkennen. Sie geben eine Vorstellung von der Raumhöhe der dahinterliegenden Säle.

Dominik erläuterte uns, dass Hitler selbst eher kleingewachsen war und in diesem Monumentalismus untergegangen wäre. Deshalb stand er immer vor seinem Schreibtisch in seinem Büro, wenn er Besuche empfing. Wäre er dahinter gesessen, wäre er lächerlich klein erschienen.

Der ursprüngliche Zweck dieses Gebäudes war die Beherbung des Reichsluftfahrtsministeriums. Luftwaffenministerium durfte das 3. Reich das Amt nicht nennen, da es nach den Verträge von Versailles keine Luftwaffe haben durfte.

Nach der Exkursion in die historische Architektur samt skurriler Fußnoten kamen wir zum Kern einer Epoche, der sich an einem Ort erschließt, wie man ihn eigentlich gar nicht planen kann.

Zusammengefasst wird alles in der Freiluftausstellung "Topografie des Terrors", die vor allem die Mechanismen  hinter dem System erläutern und so klarmachen möchte, warum diese Maschinerie zum Leidwesen so vieler Menschen so perfekt funktioniert hat. Der Boden reicht von auf den ersten Blick harmloser Propaganda bis zu gewalttätigen Zwangsmaßnahmen. Alles wird präsentiert mit Fotos und Originalmaterial wie Plakaten oder Zeitungen. Dazwischen gibt es Fakten und Erläuterungen, die die Zusammenhänge betonen.

 

Diese Ausstellung muss jeder in seinem Tempo und aus seinem Blickwinkel aufnehmen. Wir vereinbaren daher einen Zeitraum und einen Treffpunkt und mischen uns unter die anderen Besucher. Es ist auffallend ruhig. Nur selten hört man jemanden reden. Und wenn, dann ist die Betroffenheit deutlich zu vernehmen. Auch wenn an die Sprache gar nicht versteht.

Ein weiteres Bauwerk aus dem geplanten Germania, das allerdings zerstört wurde: Neue Reichskanzlei 

Dieser Satz, in Berliner Mundart ausgesprochen, fiel am 30. 1. 1933, dem Tag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, als ein Fackelzug an Liebermanns Haus auf dem Pariser Platz (unmittelbar neben dem Brandenburger Tor) vorbeizog.

Das war ein Vorspiel nur. Nur dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man bald auch Menschen.

Heinrich Heine

in einer seiner frühesten politischen Aussagen (1823!!!)

Wir lassen diesen sehr intensiven Tag mit einem wunderschönen Abendspaziergang ausklingen. Kurz vor unserem Hotel überqueren wir die Spree.

Abendstimmung

Brücke über die Spree mit Fernsehturm