Tag 3:

Dienstag, 27. 6. 2017

Berlin der Gegenwart

  • Besuch des deutschen Bundestages inkl. Besichtigung der Kuppel
    Vom Reichstag über die DDR zum Bundestag - alles gespiegelt in einem einzigen Gebäude
  • Mittagspause im Bereich der neuen Synagoge
  • Besuch des jüdischen Museums inkl. zweier thematischer Führungen zur Auswahl
  • Abendprogramm: Holzmarkt

Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm, wie man sich unschwer vorstellen kann. Den Termin für die Besichtigung hatten wir bereits seit Februar. Um das Gebäude betreten zu dürfen, muss man mindestens sieben Tage davor Namen, Geburtsdatum und Nationalität übermitteln. Die Zeiten, wo man sich einfach vor dem Gebäude angestellt hat, sind längst vorbei.

Führung um 10:30 Uhr.

Eintreffen bei der Sicherheitskontrolle: 10:00 Uhr

So stand es in der E-Mail. Und so wurde es auch eingehalten. Wir waren etwas früher dort und mussten warten.

Nach und nach fanden sich alle an der Sicherheits-schleuse ein. Reisepässe griffbereit. So mancher Flughafen kann sich ein Beispiel nehmen an der Genauigkeit dieser Kontrolle. Einige Gegenstände wie Glasflaschen wurden konfisziert. Wir durften sie beim Verlassen des Gebäudes wieder abholen,

Der Wartebereich war jedenfalls sehr mondän und bequem. Wir ließen die Atmosphäre auf uns wirken und begannen so etwas wie Ehrfurcht vor dem Gebäude zu entwickeln.

HFA - A für "Ausländer"

Und trotzdem verstehen wir Deutsch!!! Is ja 'n Ding!!!

Dann ging es durch einen Flur, der nur auf den ersten Blick unscheinbar war. Die Wände waren übersät von Inschriften, wie man es sonst nur von U-Bahnstationen oder Unterführungen kennt. Noch dazu waren die Buchstaben kyrillisch. 

Bei näherem Hinsehen fielen uns Zahlen auf: 9/V-45

9. Mai 1945 - das erklärte natürlich so manches!

 

Die Inschriften stammten von den russischen Soldaten, die im Mai 1945 als erste in Berlin eingetroffen waren. Das Gebäude wurde von der russischen Armee besetzt, da es irrtümlich für eine zentrale Stelle des nationalsozialistischen Reiches gehalten wurde. Dabei hatte es in den letzten Kriegsjahren praktisch keine Bedeutung. Parlamentarismus war bekanntlich nicht besonders gefragt zu dieser Zeit.

 

In ihrer Euphorie erewigten sich die russischen Soldaten mithilfe von Holzkohlestückchen an den Wänden.

PS: 8. Mai 1945  - Bei diesem historischen Datum spielt eine kleine Gemeinde in Niederösterreich eine sehr entscheidende Rolle. Welche genau, finden Sie hier!

Unsere ansonsten sehr kompetente Führerin gestand, dass sie nicht Russisch konnte. Deshalb sprang Georg ein und übersetzte einige der Inschriften für uns.

 

Es sind sehr persönliche, von Erleichterung und auch ein bisschen Heimweh geprägte Botschaften.

Wie genau und behutsam die Restaurierung dieser Überreste vorgenommen wurde, sieht man an anderen Stellen, wo neues Mauerwerk ergänzt werden musste. Es ist auf jeden Fall beeindruckend, wie das Schicksal hier Regie geführt hat und im deutschen Parlament so menschlich berührende Spuren der Geschichte hinterlassen hat.

Und dann war es soweit! Wir warfen unsere ersten Blicke auf den Sitzungssaal des Parlamentes. Ein Anblick, den man aus den Nachrichten kennt. Aber nun standen wir unmittelbar vor diesem Raum!

Das heißt, natürlich nicht ganz in diesem Saal. Wir mussten auf die Besuchergalerie. Aber von dort hatte man wirklich einen wunderbaren Blick auf den prächtigen Saal.

"Und das dort unten, der Stuhl mit der hohen Lehne, das ist der von Frau Merkel." So einfach ist das!

Auf der Besuchergalerie verabschiedete sich unsere Führerin, die uns einen guten Einblick in die Geschichte und gegenwärtige Funktion des Hauses vermittelt hatte. Der nächste Programmpunkt war die Kuppel. Wir hatten schon so viel davon gehört. Welches tolle Erlebnis es wäre, die Kuppel zu besteigen. Nun waren wir an der Reihe.

Blick von der Besuchergalerie über den Plenarsaal

Der oft empfohlene Abschluss ist ein Blick von unten an der Spiegelsäule entlang. Diese Säule, die die Kuppel trägt, wurde deshalb mit Spiegeln ausgestattet, damit man vom Plenarsaal die Menschen sehen kann. Dadurch werden die Abgeordneten daran erinnern, für wen sie arbeiten (O-Ton der Füherin).

Entspannnung zwischendurch!

Upside down!

Die Kuppel aus einer anderen Perspektive

(Foto: Georg Furtner)

Das Szenario fand auch großen Anklang bei allen. Auf der Hitliste der meistfotografierten Locations auf unserer Reise ist diese mit Sicherheit sehr weit vorne!

Abschiedsfoto auf den Treppen des Bundestages

Jetzt brauchen wir aber mal was zu essen!!!

Und dann geht es zum nächsten Programmpunkt!

Der Bau von Daniel Libeskind beeindruckt schon von außen. Libeskind hat übrigens auch den Ground Zero in New York geplant.

Innen hält das Gebäude, was es von außen verspricht.

Dem Gebäude ist auch ein sehr interessanter Garten angeschlossen. Teilweise ist er als Gedenkstätte gestalten, die ein bisschen an das Shoa-Denkmal erinnert. Er lädt aber auch einfach zum Ausrasten ein.

Außer durch die Dauerausstellung gehen wir noch durch eine Ausstellung, die die Rolle der Frau im Spannungsfeld religiös motivierter Bekleidungsvor-schriften, insbesondere von Kopfbedeckungen, darstellt. Wir merken, dass bestimmte Themen leider nie an Aktualität verlieren.

 

Danach bekommen wir zwei thematische Führungen angeboten. Eine zum Thema des Judentums in der Gegenwart und eine zur Situation jüdischer Kinder und Jugendlicher unter den Nationalsozialisten. Die Gruppe teilt sich in zwei ungefähr gleich große Gruppen und jeder folgt seinem Guide.

 

Jede Gruppe macht eine sehr spannende Reise in eine unbekannte Welt. Aus der vereinbarten Stunde werden mehr als 90 Minuten. 90 Minuten, die wir nicht so schnell vergessen werden. Individuelle Geschichten lassen uns mit einem Gefühl der Fassungslosigkeit zurück. 

Nach diesem anstrengenden Tag mit sehr intensiven Eindrücken wünschen wir uns ein Abendprogramm, das nett, aber nicht zu hektisch ist. Bereits bei unserem allerersten Spaziergang haben wir auf der anderen Seite der Spree eine sehr interessante Location entdeckt. Die wollen wir uns an diesem Abend näher ansehen.

Es gibt sogar eine Kinderstagesstätte hier. Dieser Ort hat seine eigene Infrastruktur. Alles da, was man braucht. Wir fühlen uns immer wohler! Warum gibt es sowas in Wien nicht?

Schön langsam lässt sich der Hunger nicht mehr ignorieren. Es gibt eine Menge Buden, die Essbares anbieten. Stoßtrupps machen sich auf den Weg. Wir tragen alles erkundete Wissen in der Gruppe zusammen und bald hat jeder etwas gefunden, das ihm schmeckt.

Idylle am Fluss. Mitten in einer Großstadt!!!!

Georg, unser Chefscout, ist sichtlich zufrieden mit dem Verlauf des Tages. Dank seines ausgezeichneten Orientierungssinnes finden wir alle Ziele des bis ins Detail vorbereiteten Programmes auf Anhieb (mit der Ausnahme von ganz kleinen Umwegen, die uns aber auch sehr interessante Winkel der Stadt zeigen).

Am Dienstag kehrten wir zu einem Gebäude zurück, das wir am Tag davor als "Reichstag" kennengelernt hatten. Nun lernten wir es als "Bundestag" kennen.

Parlament des freien und vereinten Deutschlands. Und als solches auch bewusst als Symbol gestaltet, in dem die historischen Schichten - insbesondere jene der letzten Jahrzehnte - noch sehr deutlich zu sehen sind. Details dazu sollten wir in den darauffolgenden beiden Stunden erfahren.

In unmittelbarer Umgebung des Bundestages befindet sich auch das Kanzleramt, der Arbeitsplatz von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dieses Gebäude wurde nach der Wiedervereinigung errichtet und wird im Volksmund "Waschmaschine" genannt - ein Blick darauf bestätigt diesen Spitznamen!

Also warteten wir brav und geduldig. Die Zeit vertrieben wir uns, so gut es ging. Es war glücklicherweise nicht allzu lange.

Zum Zeichen der erfolgreichen Kontrolle bekamen wir Kärtchen umgehängt. HFA - Hausführung Ausländer. Dieser Status hatte gleich einmal zur Folge, dass wir sehr konsequent auf Englisch angesprochen wurden. Sehr zur Verwunderung einiger Bediensteter verstanden wir doch Deutsch und erklärten, dass es auch deutschsprachiges Ausland gäbe. Na so was!

Ein paar nutzen die kleine Pause noch zur Stärkung und für kleine Bedürfnisse. Man hatte allerdings Hemmungen, sich selbstständig zu bewegen. Allerdings, verloren gehen konnte man in diesem Gebäude nicht. Das war klar. Dann ging es schon los.

Eine nette Dame nahm uns unter ihre Fittiche und gab uns zunächst einen Überblick anhand eines Modells.

Hatte sich hier eine russische Touristengruppe verewigt? Schwer vorzustellen, dass das gestattet worden wäre!!!

Zwischen den schwarzen Wörtern sind auch blaue zu sehen. Jene stammen von Offizieren, die Kreide bei sich hatten und nicht einfach mit verkohlten Holzstückchen vorlieb nehmen mussten. Sie notierten wichtige Informationen an den Wänden.

Bemerkenswert ist auch die Höhe, in der die Inschriften zu finden sind. Das rührt daher, dass die Soldaten auf hohen Schuttbergen standen. Es ist heute noch zu erkennen, wie hoch diese reichten.

 

Die Erhaltung der Inschriften verdanken wir einer glücklichen Fügung: Zu BRD-Zeiten war das Gebäude zunächst ungenutzt. Um es aber als Ausstellungsraum nützen zu können, wurden die Wände mit Rigips-Platten abgedeckt, die dann beim letzten Umbau entfernt wurden und ihren Schatz preisgaben.  

Bevor wir zum Herzstück des Parlamentes kommen, sehen wir noch einen überkonfessionellen Andachts-raum, der den Abgeordneten zur Verfügung steht, wenn sie ein paar Minuten Ruhe finden wollen. Fallweise finden auch private Andachten oder religiöse Zeremonien unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, wie uns unsere Führerin erläuterte. 

Der Sitzungssaal des deutschen Bundestages

Wir versammelten uns vor den großen Glastüren, die natürlich versperrt war. Unsere Führerin erklärte uns einige sehr interessante Details über Abstimmungen im hohen Haus. Zum Beispiel, was ein Hammelsprung ist. Das sollte man wissen - vielleicht für die Millionenshow! Außerdem würde es noch in derselben Woche eine aufsehenerregende Abstimmung gab. Am Freitag unserer Besuchswoche, dem 30. 6. 2017, stand die Abstimmung zur gleichgeschlechtlichen Ehe auf der Tagesordnung. Ein Ereignis, das wir unmittelbar nach unserer Rückkehr im Fernsehen verfolgen konnten. Und wir waren in diesem Saal gewesen!

Parlamentspräsidium mit drei Plätzen für die Stenografen. Vor der deutschen Flagge die Plätze für die Regierung. Der erste Stuhl von links in der ersten Reihe - jener mit erhöhter Lehne - ist jener von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Es war ein langer Weg nach ober über den spiralförmigen Steig. Und es wurde klarerweise immer heißer, je höher man kam. Das war wohl einer der wenigen Momente, in dem wir froh waren, dass das Wetter eher schlecht war.

Aber die Anstrengung lohnte sich. Der Blick über Berlin von der Kuppel aus ist wirklich atemberaubend.

Blick nach unten, Blick nach innen! Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen und was man zuerst fotografieren soll! Am besten, man lässt es einfach auf sich wirken und nimmt die Erinnerung mit!

Doch auch die beeindruckendste Besichtigung ist einmal zu Ende. Wir versammeln uns danach auf der Terrasse und genießen noch einmal den Blick über Berlin. So hoch werden wir es nicht mehr schaffen.

Noch schnell ein paar Fotos! So eine Perspektive kommt so schnell nicht wieder!

A penny for your thoughts...

 

Jüdisches Museum

Im jüdischen Museum lassen wir zunächst einfach die Räume und die Exponate auf uns wirken. Da hat man wirklich genug damit zu tun! Es ist sehr ruhig. In kleinen Gruppen oder alleine verteilt sich die Gruppe auf das gesamte Areal. Es ist sehr leise. Vor manchen Vitrinen stehen Menschen sehr, sehr lange und nehmen in einer Mischung aus Betroffenheit und Fassungslosigkeit war, was darin präsentiert wird. Es sind größtenteils persönliche Gegenstände, die aber das Schicksal ganzer Familien erzählen.

Da ist zum Beispiel ein Handtuch, das eine Mutter ihrem 16jährigen Sohn 1943 mitgegeben hat, als er mit einem Kindertransport nach England gebracht wurde. Er hat das Handtuch nie benutzt. Es ist immer noch von seiner Mutter gefaltet. Gesehen hat er sie allerdings nie wieder. Sie wurde in einem Lager ermordet.

Man steht vor der Vitrine. Und schaut auf das Foto der Frau.

Wir verlassen das Museum sehr nachdenklich, aber trotzdem mit der Hoffnung und dem Willen, dass sich so etwas nicht wiederholen wird. Dass so etwas einfach nicht mehr sein darf in einer Welt, in der man leichter als je zuvor an Informationen kommt und alles wissen kann, was man wissen will. "Wir haben nichts gewusst!" ist in unserer Zeit sicher keine Entschuldigung mehr!

Wenn es Abend wird in Berlin...

Wir erkunden das Areal und finden heraus, dass das der Holzmarkt ist. Das erklärt auch das rustikale Design. Teilweise wirkt es, als ob alles aus Treibholz gebaut wäre. Aber genau das macht es so gemütlich. Wir fühlen uns vom ersten Augenblick wohl hier und beschließen den Abend hier zu verbringen. Zu spät soll es ohnehin nicht werden. Wir sind wirklich alle sehr müde!!!!

Happy hour auf berlinerisch!

Die Location hält, was sie uns von der anderen Seite des Ufers versprochen hat.

Endlich richtig entspannen können!

Das tut gut nach so einem anstrengenden Tag!

A hard day´s night!

Das ist der richtige Ort, um die Seele - und die Beine -baumeln zu lassen.


So geht Tag 3 sehr entspannt und angenehm zu Ende. In unserem Kopf müssen wir sehr viele Dinge ordnen. Viele Gespräche in dieser schönen Atmosphäre drehen sich noch um den vergangenen Tag. Und das waren sicher noch nicht die letzten über diese Themen. Vom Reichstag über die DDR zum Bundestag - das ist ein gewaltiger Bogen. Alles gespiegelt in einem einzigen Gebäude. Wir sind immer noch beeindruckt von dem, was wir an diesem Tag erleben durften. Wir beginnen zu begreifen, warum Berlin so eine faszinierende Stadt ist. Auch die Erlebnisse im jüdischen Museum wirken noch nach und brechen manchmal in einzelnen Sätzen durch: "Warum war das möglich?" Auch in diesem Punkt haben wir etwas mehr begriffen - über die menschliche Psyche und wie Macht funktioniert. Das hier ist genau der richtige Ort, um dem Nachhall eines solchen Tages zu lauschen.

Und irgendwie ahnen wir schon, wo wir auch den nächsten Abend - unseren letzten in Berlin (Snieeeef!!!) - verbringen werden ....